Das große Interview
„Ich stand im Mantel im Flur und wusste nicht, wohin.“
Ingeborg Falkenhain, 67, war über vierzig Jahre das Gesicht eines Abendmagazins. Ein Gespräch über den Abschied vom Beruf, die Angst vor der Leere und die Frage, wer man ist, wenn die Rolle endet.

Einleitung
Es gibt Gesichter, die man jahrzehntelang zu kennen glaubt. Ingeborg Falkenhain gehörte dazu: Zweiundvierzig Jahre lang führte sie als Journalistin und Moderatorin durch ein Abendmagazin, das in vielen Wohnzimmern zum festen Teil des Tages geworden war. Wer sie sah, wusste: Jetzt wird es ruhig, jetzt wird erklärt, jetzt wird zugehört.
Vor zwei Jahren moderierte sie ihre letzte Sendung. Es gab Blumen, eine kurze Rede, einen Applaus, der länger dauerte als geplant. Und dann, so erzählt sie es heute, kam der Morgen danach. Ein Morgen ohne Redaktionskonferenz, ohne Maske, ohne Zeitplan. Ein Morgen, an dem sie zum ersten Mal seit ihrer Jugend nicht wusste, wer sie ohne ihre Aufgabe ist.
Wir haben Ingeborg Falkenhain an einem klaren Herbsttag in ihrem Haus am Stadtrand besucht. Zwei Tassen Tee, ein Fensterplatz, viel Zeit. Das Gespräch, das daraus wurde, dauerte fast drei Stunden. Es handelt von Angst, die sich nicht erklären lässt, von einer Identität, die plötzlich keinen Halt mehr hat, und von den kleinen Schritten, die zurück ins Leben führen. Wir haben es nur behutsam gekürzt.

Das Gespräch
Frau Falkenhain, Sie haben zweiundvierzig Jahre lang gearbeitet. Wie war der Tag, an dem es endete?
Erstaunlich leicht, zumindest äußerlich. Ich hatte mich über Monate vorbereitet, meine Rede geübt, die letzte Sendung bis ins Detail geplant. Als der Vorhang fiel, habe ich gelächelt, mich bedankt und bin mit dem Taxi nach Hause gefahren. Ich dachte: Das habe ich gut gemacht.
Dann habe ich den Schlüssel in die Tür gesteckt, und das Haus war still. Ich erinnere mich, dass ich im Mantel im Flur stand und nicht wusste, wohin ich gehen soll. Das war der eigentliche Moment des Abschieds. Nicht die Sendung, nicht der Applaus, sondern dieser Flur.
Wann kam die Angst?
Eigentlich schon Jahre früher, aber ich habe sie nicht so genannt. Ich nannte sie Unruhe oder Termindruck. Etwa drei Jahre vor dem Ende habe ich nachts angefangen, aufzuwachen. Mit Herzklopfen, mit einem Gedanken im Kopf, der sich nicht greifen ließ: Und danach?
Nach dem letzten Arbeitstag wurde sie körperlich. Ein Druck auf der Brust, am Sonntagabend, obwohl es gar keinen Montag mehr gab. Mein Hausarzt hat mich gründlich untersucht und gesagt, mein Herz sei in Ordnung. Dann hat er mich lange angeschaut und gefragt, ob ich eigentlich schon mal mit jemandem über das Aufhören gesprochen hätte. Ich habe gelacht, weil ich beruflich mein Leben lang mit Menschen gesprochen habe. Aber nie über mich.
Wie fühlt sich diese Angst an? Können Sie sie beschreiben?
Für mich war es keine Angst vor etwas Konkretem. Es war eher das Gefühl, dass der Boden, auf dem ich gehe, dünner wird. Ich hatte keine Sorge ums Geld, die Rente war gesichert, wir hatten vorgesorgt. Es war die Sorge, überflüssig zu werden. Nicht mehr gefragt zu sein.
Dazu kam eine Art Scham. Ich dachte: Andere würden sich glücklich schätzen, so ein Leben hinter sich zu haben, und du sitzt hier und bist unglücklich. Diese Scham hat die Angst noch vergrößert, weil ich sie niemandem zeigen wollte. Erst als ich sie ausgesprochen habe, wurde sie kleiner.
Sie waren öffentlich bekannt. Wer sind Sie, wenn niemand mehr „Frau Falkenhain aus dem Fernsehen“ ruft?
Das ist die Frage, an der ich am längsten gearbeitet habe. Ich habe gemerkt, dass ich mich über meine Rolle definiert hatte, bis in die Körperhaltung hinein. Ich saß beim Bäcker aufrecht, als säße ich noch vor der Kamera. Wenn mich jemand erkannte, fühlte ich mich kurz wieder lebendig, und gleichzeitig tat es weh, weil es nur ein Echo war.
Irgendwann hat meine Therapeutin mich gebeten, einen Satz zu beenden: „Ich bin …“ ohne Beruf, ohne Titel, ohne Funktion. Ich habe eine halbe Stunde gebraucht. Am Ende stand da: „Ich bin neugierig. Ich bin eine Zuhörerin. Ich bin jemand, der gern Dinge in Ordnung bringt.“ Das war ein Anfang. Es war nicht viel, aber es gehörte mir, und niemand konnte es mir nehmen.
„Ich bin neugierig. Ich bin eine Zuhörerin. Ich bin jemand, der gern Dinge in Ordnung bringt. Das war nicht viel, aber es gehörte mir.“
Was hat Ihnen in dieser Zeit am meisten geholfen?
Drei Dinge, und keines davon war spektakulär. Erstens: Struktur. Ich habe mir einen Wochenplan geschrieben, ganz altmodisch auf Papier. Dienstag und Freitag früh Schwimmen, Mittwoch Gartenverein, Donnerstag Mittagessen mit einer Freundin. Das klingt banal, aber ein Tag mit einem Anfang ist ein anderer Tag als ein Tag ohne.
Zweitens: das Gespräch. Ich bin zu einer Therapeutin gegangen, und ich habe in einem Gesprächskreis erlebt, wie viele andere Menschen genau dasselbe fühlen. Ein pensionierter Kapitän, eine Lehrerin, ein Ingenieur. Wir hatten nichts gemeinsam und alles. Drittens: etwas zu tun, das nicht um meiner selbst willen geschieht. Dabei hat mir mein Verein geholfen.
Sie sprechen vom Verein. Was ist das für eine Gemeinschaft?
Ein ganz gewöhnlicher Verein, nichts Glamouröses. Wir kümmern uns um ein Stück Gemeinschaftsgarten am Rand der Stadt, und ich bin dort mittlerweile für die Pflege der Hochbeete zuständig. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich vorher ein bisschen hochnäsig auf Vereinsleben geschaut. Satzung, Mitgliederversammlung, Kaffee und Kuchen. Heute weiß ich, wie viel Halt in solchen Strukturen liegt.
In diesem Garten fragt niemand, was ich früher gemacht habe. Man fragt, ob ich die Gießkanne mitbringen kann. Und ich merke, wie gut mir das tut. Ich werde gebraucht, aber nicht für meine Rolle, sondern für das, was ich gerade tue. Das ist ein ganz anderes Gefühl von Wert.
Und Ihre Beziehungen? Hat sich auch zu Hause etwas verändert?
Sehr. Mein Mann und ich waren es gewohnt, uns abends zu treffen, müde und mit Geschichten vom Tag. Plötzlich waren wir beide den ganzen Tag da. Wir sind uns auf die Nerven gegangen, ich glaube, das gehört zur Wahrheit. Er hat sich um den Haushalt gesorgt, den ich nun angeblich übernehmen wollte, ich habe mich bevormundet gefühlt.
Wir haben dann einen Termin vereinbart, einmal in der Woche, an dem wir über das Zusammenleben sprechen. Klingt komisch, funktioniert aber. Und wir haben beschlossen, getrennte Vormittage zu haben. Jeder hat seine Dinge, abends erzählen wir. Das hat uns wieder zueinander gebracht. Auch zu meiner Tochter ist das Verhältnis wärmer geworden, weil ich endlich Zeit habe, zuzuhören.
Was tun Sie heute, und was würden Sie Menschen sagen, die kurz vor dem Ruhestand stehen?
Ich bin Lesepatin an einer Grundschule. Zweimal die Woche sitze ich mit Kindern in einer Leseecke und höre ihnen zu, wie sie Wort für Wort lesen lernen. Es gibt kaum etwas, das mich mehr erdet. Dazu kommen der Garten, das Schwimmen und das Schreiben. Ich arbeite an einem kleinen Buch über Gespräche, die ich nie geführt habe.
Menschen, die kurz vor dem Ruhestand stehen, würde ich zuerst sagen: Ihre Angst ist kein Zeichen von Schwäche. Sie ist ein Zeichen, dass Ihnen Ihre Arbeit etwas bedeutet hat. Zweitens: Bereiten Sie sich nicht nur finanziell vor, sondern auch innerlich. Fragen Sie sich, was Sie neben Ihrer Rolle ausmacht. Und drittens: Warten Sie nicht, bis es Ihnen schlecht geht, bevor Sie sich Hilfe holen. Reden Sie. Mit Freunden, mit der Familie, mit Fachleuten. Das Schweigen ist das Schwerste.

Nachklang
Als wir uns verabschieden, steht Ingeborg Falkenhain an der Haustür und winkt, so wie man winkt, wenn man sich Zeit nimmt. Es ist früher Abend, aus dem Nachbargarten duftet es nach Laub und Rauch. Sie wirkt nicht wie jemand, der etwas verloren hat. Eher wie jemand, der etwas ausgepackt hat, das lange verpackt war.
Was bleibt von diesem Gespräch? Vielleicht dies: Dass der Abschied vom Beruf selten ein einzelner Moment ist, sondern ein Weg, mit Umwegen, Stolperstellen und überraschend leisen Glücksmomenten. Dass Angst nicht verschwindet, wenn man sie wegschiebt, aber ruhiger wird, wenn man ihr einen Platz gibt. Und dass Identität mehr ist als ein Titel. Sie ist die Summe dessen, was wir gern tun, wem wir zuhören und wofür wir morgens aufstehen.
Wenn Sie sich in diesem Gespräch wiederfinden, sind Sie nicht allein. Auf den folgenden Seiten finden Sie weitere Lebenswege, Anregungen zum Weiterdenken und Möglichkeiten, ins Gespräch zu kommen.
